Gründung eines Kleinverlags

 

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Selbstgebasteltes Logo: edition tanja Stern,
gegründet 2004

Als ich im Jahre 1999 die Belegexemplare meines Kinderbuches „Kater Theo und die vier Gerechten“, die gerade frisch aus der Druckerei kamen, zum ersten Mal aufschlug und prüfend durchsah, brach ich verzweifelt in Tränen aus: Auch bei der Endkorrektur des Manuskriptes hatte man, wie vorher schon beim Lektorat, keinen meiner Vorschläge berücksichtigt, hatte alle meine Wünsche ignoriert und mich noch nicht einmal einer Erklärung oder Entschuldigung für wert befunden. Titel, Cover, Kapiteleinteilung, alles war ohne mich beziehungsweise gegen meinen Willen entschieden worden. Man hatte meinen Text nur als Rohstoff betrachtet, mit dem man so ungeniert nach eigenem Gusto verfahren könnte, als wäre ich tot. Der Verlag saß schließlich jederzeit am längeren Hebel und sah es als große Gnade an, einen Nobody wie mich überhaupt ins Programm genommen zu haben.

An diesem Tage schwor ich mir, dass ich niemals wieder Grund zum Weinen haben sollte, wenn ich einen meiner Texte gedruckt sah. Mein nächstes Buch sollte so erscheinen, wie ich es geschrieben hatte, oder es sollte überhaupt nicht erscheinen. Damals schrieb ich gerade an den „Opernballaden“, einem Projekt, das mir sehr lieb war, von dem ich aber wusste, dass kein deutscher Verlag sich bereit finden würde, es herauszugeben. Das schien mir die richtige Konstellation, um den Traum von einem eigenen Kleinverlag, mit dem ich schon seit Jahren schwanger ging, endlich in die Tat umzusetzen. Zwar dauerte es dann noch ungeahnt lange, bis die „Opernballaden“ fertig wurden, aber ich blieb meinem Vorsatz treu: Anstatt das Manuskript auf die trostlose Reise durch die deutsche Verlagslandschaft zu schicken, marschierte ich entschlossen zum Gewerbeamt und meldete die „edition tanja stern“ an.

Da mein Startkapital gegen Null tendierte, musste ich alles selbst erledigen, was es irgend zu erledigen gab, und ich hatte vom Buchdruck nicht die leiseste Ahnung. Schon die bloße Anfrage nach Druckangeboten bildete für mich ein Problem: Was bedeutete „4/0-farbig Offsetdruck“? Wie dick war 250er Karton? Nie wird man als Autor auch nur entfernt mit dieser Materie konfrontiert. Ich besuchte Seminare, arbeitete mich in Satz und Grafik ein, rang nächtelang mit den vertrackten Problemen der Covergestaltung und des Seitenlayouts. Es waren Dutzende von kleinen Entscheidungen zu treffen, und jede konnte, wenn sie falsch war, meine ohnehin denkbar knappen Kalkulationen aus dem Gleichgewicht bringen. Von allen Seiten warnte man mich vor der besonderen Schwierigkeit des Metiers. Man prophezeite mir, ich würde jämmerlich scheitern und auf riesigen Bücherbergen sitzen bleiben wie schon so viele Selbstverleger vor mir. Ich aber staunte, wie gut es mir ging – wie reuelos ich mein letztes Geld ausgab, wie enthusiastisch ich bei Wind und Wetter meine Bücherpacken schleppte. Endlich lag alles in meiner Hand! Endlich war ich nicht mehr angewiesen auf die Gnade oder Ungnade hochnäsig-herablassender Lektoren, endlich den Zwängen und Erniedrigungen des Autorendaseins entronnen! Und sollte ich auch straks in die Pleite segeln, ich hatte es versucht, ich war aktiv geworden!

Kleine Pointe am Rande: Als mein erster Titel, der „Maskenball“, frisch aus der polnischen Druckerei kam, stellte ich fest, dass dort der Klappentext noch einmal abgeschrieben worden war und nicht weniger als sechs Orthographiefehler enthielt – eine von den vielen kleinen Katastrophen, die den Selbstverleger jederzeit treffen können. Ich sah es und – brach in Tränen aus.

 


 

Soweit der (noch) euphorische Bericht, den ich im ersten Jahr meiner Kleinverlegertätigkeit verfasste. Inzwischen hat sich das Bild doch stark relativiert: Ich habe trügerische Erfolge und fürchterliche Flops erlebt, stand ein paar Mal vor dem finanziellen Aus, einmal sogar vor dem körperlichen und seelischen Zusammenbruch, und hangele mich mühsam mit meiner Hoffnung von einer Kalendersaison zur nächsten. Wenn ich mal wieder Zeit habe, schreibe ich auf dieser Seite einen ausführlichen Rapport über das harte Los einer Kleinverlegerin - zur Warnung und Abschreckung für alle, die meinem Beispiel folgen möchten.

   
© Tanja Stern