Wendewirren und Halbtagsjobs
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| Andenken aus wilden Tagen: SDP-Mitgliedskarte von 1989 |
Schon 1990 zeichnete sich das Ende meines Jobs beim TRO ab, der mich jahrelang finanziell über Wasser gehalten hatte. Zwar zog sich die Anstellung über Kurzarbeit Null und ABM-Maßnahmen noch bis 1992 hin, doch es war klar, dass die ruhigen und sicheren Tage – an den Werktagen Arbeit als Autorin, am Wochenende Minijob – ein für allemal gezählt waren. Nun war ich in den Wendewirren, wie wir alle, politisch immens aktiv (ich trat als Mitlglied Nr. 149 der SPD-Ost (damals SDP) bei und erlebte vor Ort die schwierige Formierung von der Splittergruppe bis zur Vereinigung mit der Mutterpartei); sicher hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich ganz auf die Politik zu werfen. Aber das wäre ein Engagement fürs Leben gewesen – ich hätte das Schreiben aufgeben müssen, und das brachte ich nicht über mich. Auch fühlte ich selbst in den heißen Tagen der Wende und nach der Abkühlung erst recht, dass die Mechanismen der Politik, wie ich sie nun gründlicher kennen lernte, mich im Grunde abstießen. Nein, ich wollte wieder einen TRO-Job finden, eine ruhige kleine Halbtagsstelle, die mir Freiraum zum Schreiben ließ. Doch das Aufkommen an Halbtagsstellen war ebenso geschrumpft, wie der Bedarf zum Leben gewachsen war. Ich fand Anstellung bei einer Jugendorganisation, wo ich aber schon nach einem Jahr einer Stellenkürzung zum Opfer fiel. Ein zweiter Versuch als Halbtagssekretärin bei einem Landschaftsarchitekten endete gar mit Krach und Rechtsstreit. Daraufhin beschloss ich, den Absprung in die Selbstständigkeit zu wagen. 1997 meldete ich mich als freiberufliche Sekretärin und Autorin beim Finanzamt an.
Mehr zu den Freuden und Leiden der Wendezeit finden Sie hier.
Als Freiberuflerin im Kampf ums Dasein
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| Auf dieser Erika-Schreibmaschine lernte ich tippen, was mir heute mein tägliches Brot sichern hilft. |
Seit 1997 biete ich als freiberufliche Sekretärin meine Dienste an, denn was an Autorenhonoraren anfällt, reicht bei Weitem zum Leben nicht aus. Ich arbeite als „Springerin“ in mehreren Büros oder erledige Schreibarbeiten zu Hause.
Die Freiberuflichkeit ist ein hartes Brot. Man hat entweder Zeit oder Geld, aber niemals beides in dem ausgewogenen Verhältnis, das der Mensch und insbesondere der Autor sich wünscht. Bald wird man durch eine Urlaubs- oder Krankheitsvertretung wochenlang von früh bis spät an ein Büro gefesselt, während daheim die Art von Arbeit wartet, zu der es einen machtvoll zieht. Dann wieder kommt wochenlang kein einziger Auftrag, so dass man zwar ungestört schreiben, aber bald nicht mehr die Miete bezahlen kann. Zwar findet man eine Arbeit als „Springerin“ leichter als eine Festanstellung, aber noch leichter verliert man sie auch – ein kleiner Fehler, ein falsches Wort, ein Outfit, das dem Gebieter nicht passt, schon findet man sich außerhalb des Hauses wieder. Man genießt ja keinerlei sozialen Schutz, und für die Arbeit stehen dutzendweise andere parat.
Ich habe während der letzten Jahre alle Höhen und Tiefen dieses Daseins erlebt, zwar keine Reichtümer geerntet, aber mich allzeit über Wasser gehalten, wenn ich auch mehr als einmal so tief in der finanziellen Krise stak, dass ich kaum wusste, wie es weitergehen sollte. Heute könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, Tag für zu festgesetzter Stunde in ein und demselben Büro zu erscheinen. Ich habe zurzeit zwei Arbeitgeber, die mich mehr oder weniger regelmäßig mieten, dazu gelegentliche Vertretungseinsätze. Natürlich wünsche ich mir, vom Schreiben leben und die Jobs an den Nagel hängen zu können. Aber manchmal denke ich, es ist doch ganz gut, dass ich gezwungen bin, unter Menschen zu gehen und mich im feindlichen Leben zu behaupten. Diese Büros, voll von Schicksalen, Kämpfen und alltäglichen Begebenheiten, bilden meine Verbindung zur Welt und halten meine Denk- und Tatkraft in Schwung.
Gründung eines Kleinverlags
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Selbstgebasteltes Logo: edition tanja Stern, |
Als ich im Jahre 1999 die Belegexemplare meines Kinderbuches „Kater Theo und die vier Gerechten“, die gerade frisch aus der Druckerei kamen, zum ersten Mal aufschlug und prüfend durchsah, brach ich verzweifelt in Tränen aus: Auch bei der Endkorrektur des Manuskriptes hatte man, wie vorher schon beim Lektorat, keinen meiner Vorschläge berücksichtigt, hatte alle meine Wünsche ignoriert und mich noch nicht einmal einer Erklärung oder Entschuldigung für wert befunden. Titel, Cover, Kapiteleinteilung, alles war ohne mich beziehungsweise gegen meinen Willen entschieden worden. Man hatte meinen Text nur als Rohstoff betrachtet, mit dem man so ungeniert nach eigenem Gusto verfahren könnte, als wäre ich tot. Der Verlag saß schließlich jederzeit am längeren Hebel und sah es als große Gnade an, einen Nobody wie mich überhaupt ins Programm genommen zu haben.


