Redakteurin beim Fernsehen der DDR
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Diese Designeruhr hat meine Jugend begleitet: Sie war eine Art Wahrzeichen des Fernsehens der DDR, das ein unglückliches Jahr lang meine Arbeitsstätte war. |
Ein Jahr lang arbeitete ich beim Fernsehen der DDR, und zwar in der Abteilung, die für das Spielfilmangebot im Fernsehen zuständig war. Aus heutiger Sicht kein schlechter Job: Ich bekam eine Menge Filme zu sehen, und ich konnte schreiben, wenn auch weitgehend banale Texte. („Zwanzig Jahre lang hat Pierre die Launen seiner herrschsüchtigen Frau Yvette ertragen. Da tritt die junge Michèle in sein Leben...“)
Aber mein Chef war ein Betonkopf – ich fühlte mich eingeengt und reglementiert. Als es nach einem Jahr zum Streit kam, ließ ich kurz entschlossen, alle Kompromissangebote ablehnend, die Stelle fahren, ohne mich um eine adäquate neue zu kümmern. Damals kam ich mir vor wie eine kühne Rebellin, heute aber muss ich mich ehrlicherweise eher mit Trotzköpfchen vergleichen. Bei etwas mehr Lebenserfahrung hätte ich vermutlich eingelenkt, dann wäre mein Leben leichter verlaufen. Oder? War der Ausstieg vorprogrammiert, wenn nicht bei diesem Job, dann beim nächsten? Es ist schwer, das von Ferne zu beurteilen. Man muss mitten im DDR-Frust stecken, um die Wut, den Trotz, den Widerwillen zu begreifen, die mich damals lenkten. Hinzu kam, dass ich angefangen hatte zu schreiben, dass ich hier einen Weg in die Freiheit sah. Das war vielleicht der eigentliche Grund, weshalb ich so brachial auf den sozialen Absturz zusteuerte: Zuinnerst hatte ich wohl Angst, mein Leben lang an einer bequemen, gut bezahlten Stelle im Kulturgetriebe festzukleben und niemals den unbedingten Antrieb und die innere Notwendigkeit zum Schreiben zu finden.
Buchhandlung im Bahnhof Friedrichstraße
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| Bahnhof Friedrichstraße - Endstation für DDR-Bürger und Tor zum goldenen Westen. Viele Wessis werden sich noch an die Buchhandlung im Bahnhofsgebäude erinnern, wo sie ihr letztes Ostgeld ließen. |
Nach meinem ruhmlosen Abgang vom Fernsehen war ich von der Universitäts - Absolventin zur Hilfsarbeiterin geworden und lernte „das wahre Leben“ kennen: zu nachtschlafener Stunde rasselnde Wecker, harte, eintönige Arbeit und ein kleinliches Reglement, in dem schon fünf Minuten Verspätung schweres Fehlverhalten markierten. Ich jobbte zunächst in einer Bibliothek, wo ich Signaturen auf Buchrücken klebte. Dann verschlug es mich in die berühmte „Buchhandlung im Bahnhof Friedrichstraße“: Hier klopften die Wessis ihre letzen Ost- und Westmünzen auf den Kopf, bevor sie durch den Tränenpalast in eine bessere Welt entschwanden. Obwohl die Arbeit auch nicht eben das war, was ein anspruchsvoller Mensch von seinem beruflichen Leben erwartet, behielt ich sie in guter Erinnerung: eine bunt gemischte, bald gut aufeinander eingespielte Kollegentruppe (mit einigen bin ich bis heute befreundet), leichter Zugriff auf die „heißen“ Bücher, die der normale DDR-Bürger gar nicht zu Gesicht bekam, und dazu dieser undefinierbare „Duft der großen weiten Welt“ – ich möchte diese Zeit nicht missen. Aber ich brauchte Freiraum zum Schreiben. Inzwischen hatte ich einen ersten zarten Kontakt zum „Buchverlag Der Morgen“ geknüpft, und wenn auch eine Veröffentlichung damals noch weit im Felde stand, so hielt ich doch die Zeit für gekommen, mich nach einer Halbtagsstelle umzusehen.
Arbeit im TRO
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| So sieht es heute aus im TRO, das einmal ein pulsierender DDR-Großbetrieb war. |
Das Transformatorenwerk Berlin-Schöneweide, abgekürzt „TRO“, war einer der alten Berliner Großbetriebe, die im Südosten Berlins während der Gründerjahre entlang des Spreeufers entstanden. „Trojaner“ nannte der Abteilungsleiter bei meinem Vorstellungsgespräch die Belegschaft, und das war mir auf Anhieb sympathisch: Seit ich als Schulkind erstmals vom trojanischen Krieg las, hatte ich immer gegen die Griechen und für die Trojaner Partei genommen. Der Gedanke, Trojanerin zu werden, gefiel mir. Ich arbeitete in der Versandabteilung, und zwar ausschließlich an den Wochenenden. Das war für einen Großbetrieb ungewöhnlich, aber der Abteilungsleiter, dem ich meine schriftstellerischen Ambitionen gestanden hatte, war unkonventionell genug, um eine Halbtagsstelle speziell für meine und seine Bedürfnisse einzurichten. Der Versand musste schließlich auch am Wochenende rollen, was vor meinem Erscheinen ein großes Problem war, denn keine Sekretärin fand sich bereit, am Wochenende zu arbeiten. Für mich aber war es schon Luxus, dass ich von Montags bis Donnerstags schreiben konnte. Dafür opferte ich gern meine Wochenenden. Der Verdienst war natürlich mager, doch später kamen noch gelegentlich Einnahmen durch die Schreiberei hinzu, und in der DDR konnte man sich bekanntlich auch mit wenig Geld über Wasser halten.
Mehr als zehn Jahre lang blieb ich Trojanerin, für die anderen Kollegen ein Outlaw, bald bewundert, bald angegiftet – die Schriftstellerin mit dem Sonderstatus! Ich erlebte chaotische Sonderschichten, Frauentagsfeiern mit Kegeln und „Kiwi“ (so nannte man seinerzeit den Kirsch-Whisky), einen krebsrot ins Telefon brüllenden Dispatcher: „Es geht um das Werk! Es geht um den Plan! Es geht um 105 Millionen!“ Und ich erlebte die Wirren der Wende, in deren Folge der riesige Betrieb durch Massenentlassungen drastisch geschrumpft und die Transportabteilung zu einem selbstständigen Unternehmen umgeformt wurde. Natürlich gehörte ich dabei zu den Ersten, die ihren Abschied nehmen mussten. Eine Arbeitsstelle wie meine hatte nur die DDR sich leisten können.
Hier gibt es mehr zum Thema TRO-Geschichte sowie auch ein Kamera-Interview zu meiner Zeit als Trojanerin.
TRO-Geschichte neu entdeckt
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| Am Schauplatz meiner Vergangenheit: Hier wurde ich im Herbst 2008 von Susanne Reumschüssel interviewt. |
Inzwischen gibt es große Pläne mit dem Industriegelände Schöneweide, zu dem auch das vormalige TRO gehört. Umfangreiche Kultur- und Museumsbauten sind geplant (nähere Infos finden Sie hier), und auch die Geschichte des Standorts wird erforscht. Im Herbst 2008 ließ die Filmemacherin Susanne Reumschüssel für das Kiezbüro Schöneweide ehemalige Trojaner über ihre Vergangenheit im Großbetrieb sprechen. Hier sehen Sie, was ich zu berichten hatte.




