Als Kleinkind in Moskau

 

Tanja Kopftuch

Klein-Tanja als Russenmädchen

Drei Jahre (1954 bis 1957) verbrachten meine Eltern als Korrespondenten des „Neuen Deutschland“ in Moskau. Eine heiße Zeit: Knatsch mit Tito, Ende der Stalin-Ära, Wettrüsten gegen die USA, alles wurde aus nächster Nähe miterlebt. Eine gute Zeit auch für die Familie: Man residierte in einer schönen großen Wohnung, mit eigenem Hausmädchen und doppelten Gehältern. Interessante Reisen führten meine Eltern durch die ganze Sowjetunion. Sie befreundeten sich mit Scholochow und Granin. Auch Erich Honecker verkehrte bei ihnen, aber das bekam meinem Vater schlecht: Ein paar despektierliche Äußerungen, die er in Bezug auf Walter Ulbricht tat, erbosten den späteren Landesvater derart, dass er persönlich dafür Sorge trug, die Karriere des „Rebellen“ Stern zu unterbinden.

Ich ging in einen russischen Kindergarten, und nachdem ich einen ganzen Sommer unter russischen Kindern auf der „Datscha“ verbracht hatte, war es passiert: Ich hatte meine Muttersprache verlernt und konnte nur noch russisch sprechen. Meine Mutter war dieser Sprache nicht mächtig, so dass mein Vater ihre erzieherischen Anweisungen für mich übersetzen musste – ein unhaltbarer Zustand, der erst allmählich, in wochenlanger Spracharbeit gebessert wurde. Nach einer Phase fürchterlichen Kauderwelsches war ich vorübergehend zweisprachig, doch ich wusste diesen Vorteil nicht zu schätzen: Kaum nach Berlin zurückgekehrt, verweigerte ich mich den Versuchen meines Vater, beim Abendessen russisch mit mir zu sprechen. Ich wollte nicht anders sein als andere Kinder.

 

Schulzeit im Grauen Kloster

 

Tanja Jugendweihe
Jugendweihe 1967. Das Kleid ein Traum aus blauem Samt mit weißem Spitzenkragen. Ach ja!

Ich lernte an einer ganz gewöhnlichen Schule, bis es meinen Eltern einfiel, mich auf eine „Russisch-Schule“ zu schicken, eine Art Eliteschule, deren Hauptmerkmal darin bestand, dass verstärkt und schon ab der dritten Klasse Russisch unterrichtet wurde. In einer solchen Schule hatte man gute Chancen, bis zum Abitur zu gelangen, was ansonsten damals nicht so einfach war. Die letzten beiden Schuljahre verbrachte ich im so genannten „Grauen Kloster“, einer traditionsreichen Schule in Berlin-Mitte. Mein Schulweg von Köpenick, wo wir damals wohnten, betrug nahezu eine Stunde. Heute wohne ich kaum zweihundert Meter von dem alten Gebäude entfernt, und ich kann niemals daran vorbei gehen, ohne an den allmorgendlichen langen Zug der Schüler zu denken, in dem ich verschlafen dahintrottete.

Natürlich ging ich ungern zur Schule, und natürlich schien mir, dass alles, was für mich wichtig und prägend war – Lektüre, Reisen, erste Schreibversuche –, nur außerhalb der Schule stattfand. Aber wichtig und prägend sind eben auch die Rückmeldungen der Gemeinschaft. Der Lehrer, der über meinen Aufsatz staunte: Donnerwetter, jeder Satz fügt sich ein! Das Aufsehen über meine Kritik an einem Missstand. Die Mädchen bei der Klassenfahrt abends im Schlafsaal, wenn ein spannender Film repetiert werden sollte: Lasst Tanja erzählen! Sowas schafft Präferenzen.

 

Studium an der Theaterhochschule Leipzig

Tanja stud
Studentenzeit in Leipzig: Zigarette und immer schön gebildet tun

Theaterwissenschaften in Leipzig! Ein heiß begehrtes, völlig überlaufenes Studium (man sprach von über tausend Bewerbern auf nur 16 Studienplätze), und ich war angenommen worden! Eine solche Konstellation gibt das Gefühl, etwas besonders Kostbares errungen zu haben. Noch heute bin ich versucht, einen Erfolg meines Lebens darin zu sehen, obwohl sich das Studienangebot selbst als ausgesprochen beschränkt erwies und ich bald nicht mehr überzeugt war, einen glücklichen Griff damit getan zu haben. Ich wollte nicht als Dramaturgin an ein Provinztheater gehen, wie es die Absolventen dieses Studiums für gewöhnlich taten. Im Grunde wollte ich Schauspielerin oder Schriftstellerin werden, doch beides schien mir so vermessen, dass ich nicht einmal davon zu sprechen, geschweige denn etwas dafür zu unternehmen wagte.

So hielt ich die vier Jahre durch und legte am Ende sogar mit einer Diplomarbeit über Heiner Müller einen überraschend guten Studienabschluss hin, doch die berühmten Freuden der Studentenzeit, von der andere Leute ihr Leben lang schwärmen, wollten sich mir in Leipzig nicht erschließen. Mit Unbehagen denke ich an das enge Zimmer, in dem ich zur Untermiete wohnte, an das Büffeln für die Prüfungen, die ich dann doch nur mäßig bestand, an das ZV-Lager (ZV für Zivilverteidigung), in dem wir mit Gasmasken Atomkrieg spielten, an die übelwollenden Kommilitonen, mir allesamt unendlich überlegen an Leistungskraft wie auch an Lebenserfahrung. Immerhin, ein paar Freundschaften blieben. Und es blieb ein Diplom, das mir zwar später kaum nützte, sich jedoch in meiner Vita jederzeit gut ausnahm.

 

Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut

  

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Kaffeetrinken beim lieben Gott: als Studentin am Literaturinstitut Leipzig

Das Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig war als Lehrstätte für Schriftsteller und Dichter DDR-weit einmalig und damals das Mekka der Autorenzunft. Obwohl man Schreiben bekanntlich nicht lernen kann, war die Aufnahme hier „wie eine Einladung zum Kaffeetrinken beim lieben Gott“ – so formulierte es damals emphatisch eine meiner Kommilitoninnen. Nun, ganz so toll wurde es zwar nicht, aber ich habe dieses Studium – im Gegensatz zu meinem ersten in Leipzig – doch als recht produktiv empfunden. Der Austausch mit anderen werdenden Autoren war anregend, auch relativierend in Bezug auf die eigenen Ambitionen und Fähigkeiten, und die „Hausaufgaben“, die uns aufgetragen wurden, brachten einige recht brauchbare Texte hervor, so etwa

 - einen Aufsatz über Georg Büchner,

- eine Reportage über die problematische Berufsfindung von vier jungen Mädchen oder

- einen Essay zu einer Tschechow-Gestalt (alle hier nachzulesen bzw. downzuloaden).

Am Ende stand auch diesmal wieder ein Diplom, und wieder eins, das nur als Schmuck für meine Vita taugte und mit dem ich im richtigen Leben nicht das Geringste anfangen konnte.

 
   
© Tanja Stern