Eine Familiengeschichte mit verdorbenem Finale


9783938105184
Familienbild im Spiegel des Zeitgeschehens: "Der Apparat und die Seele" erscheint im Frühjahr 2012.

Eine heimtückische Krankheit hat meiner Mutter das Finale ihres Lebens verdorben: Sie erkrankte an Demenz und starb in geistiger Umnachtung. Dieses Buch soll die Erinnerung festhalten, die ihr schleichend abhanden kam. Es ist die Geschichte unserer Familie über das 20. Jahrhundert hinweg. Die meisten meiner Anverwandten waren aktive Kommunisten, und so spiegeln ihre Schicksale vor allem den Aufstieg und Niedergang der kommunistischen Bewegung. Hier wurde vielen Menschen das Finale verdorben, und auch in dieser Hinsicht war es mir wichtig, die entschwindende Erinnerung festzuhalten.

Meine Großmutter trat mit sechzehn Jahren der Roten Arbeiterjugend bei, um für die Weltrevolution zu kämpfen.

Mein Großvater führte das Nomadendasein eines kommunistischen Wanderpredigers, der den Arbeitern die Erlösung durch die Marxsche Lehre verkündet.

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Familie Gehrmann: Zwei Mädchen machen Revolution (1918-21)

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Magda Gehrmann (um 1919)

Ist sie nicht schön? Eine Sixtinische Madonna des frühen 20. Jahrhunderts, der Blick so rein, so voller Tiefe und Geheimnis. Keines ihrer Bilder liebe ich so wie dieses früheste erhaltene Porträt, das Magda im Glanz ihrer Mädchenblüte zeigt.

Man ist geneigt, sich diese Schönheit sanft und sittsam vorzustellen, doch nichts könnte weniger zutreffend sein. Magda ist ein Berliner Arbeitermädchen, schnoddrig, handfest und von trockenem Humor. Sie ist ausgebildete Stenotypistin und verdient sich im Büro ihr Brot. Und sie ist aktive Jungkommunistin.

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Familie Beyer: Als die Hulda den Oskar nahm... (1921-33)

 

Hulda mit Blumen
Hulda Robel, später verehelichte Beyer (um 1919)

So sieht sie aus, die Hulda Robel, als sie ihren Oscar kennen lernt. Sie ist zu diesem Zeitpunkt dreißig Jahre alt, also nach den Begriffen ihrer Zeit schon hart an der Grenze zur Altjüngferlichkeit, und verdient sich ihr Brot als Dienstmädchen – genau in dem Stand, den Berta Gehrmann ihren Töchtern unbedingt ersparen will. Auch Hulda ist nicht glücklich in diesem Stand, kommt aber niemals auf den Gedanken, die Gesellschaftsordnung, auf der er beruht, in Frage zu stellen oder gar abzulehnen. Vielmehr blickt sie voller Neid und Sehnsucht zu den glücklichen Herrschaften auf, die sich ihre Arbeitskraft leisten können. Und wenn sie vom Entrinnen träumt, so schwebt ihr, ganz im Courths-Mahler-Stil, eine reiche Liebesheirat vor. Später reduziert sich der Traum, erst um die Liebe, dann um den Reichtum. Aber die Heirat bleibt ihr Lebensziel. Und als sich endlich, kurz vor Toresschluss, noch eine Chance dafür bietet, greift sie zu.

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Familie Stern: Aus dem Schtetl in den Klassenkampf (1900-1924)

Maximilian Stern
Maximilian Stern, Rabbiner in Triesch (heute Tschechien)

Triesch oder Třešt, wie es im Tschechischen heißt, ist ein gemütliches Kaff in Mähren. Liebliche Landschaft, reges Gewerbe, südslavisch heitere Lebensart, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch vermengt mit dem gemütlichen Flair der k. u. k. Monarchie. In dem Völkergemisch, das hier zu Hause ist, bilden die Juden eine Welt für sich, ein „Schtetl“ mit eigenen Gesetzen und Bräuchen. Auf den Straßen sieht man bärtige Männer schwarz gewandet ihrer Wege gehen, in den Häusern wird zum „Schawwes“ gebetet, in der Synagoge lassen sich die Paare nach dem hergebrachten Ritus trauen. Über fünftausend Juden leben in Triesch, ein geschäftig wimmelnder Mikrokosmos, der sich unter der milden, toleranten Sonne dieses Landstrichs entfaltet und den nur wenige Jahrzehnte später der Holocaust restlos vernichten wird.

Dr. Maximilian Stern ist der Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Triesch. Sein Porträt zeigt ein grundsympathisches Gesicht, aus dem Klugheit, Humor und Herzensgüte, zugleich aber auch ein Schuss von der berühmten jiddischen Gewitztheit spricht.

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Erst merkt man es selbst...

 Heinz-Katja-alt
Heinz und Katja Stern Anfang der 90-er Jahre in ihrem Haus in Berlin-Spindlersfeld

Geschichte eines Pflegefalls
Teil 1

Im Sommer 1995 starb mein Vater. Er erlitt eines Abends, als er vor dem Fernseher ein Fußballspiel verfolgte, einen Schlaganfall, der ihn von einem Augenblick zum anderen aus dem Leben riss. Meine Mutter war nicht dabei. Sie saß im oberen Zimmer des Hauses und telefonierte mit einer Bekannten. Bevor sie ging, hatte sie meinen Vater gefragt: Wie steht es denn?, und er hatte im Familienkauderwelsch geantwortet: Nulla-nulla. Das waren die letzten Worte, die sie miteinander wechselten, denn als sie nach ihrem Telefonat wieder das Wohnzimmer betrat, war ihm der Kopf auf die Brust gesunken. Schläfst du jetzt schon bei deinem Fußball ein?, fragte meine Mutter lachend. Dann erst sah sie ihn genauer an, begriff, was los war, und rief Hilfe herbei.

Am nächsten Tag suchte ich mit meiner Mutter die Intensivstation des Krankenhauses Köpenick auf, wo ich meinen Vater zum letzten Mal sah. Vollgestopft mit Schläuchen lag er in tiefer Bewusstlosigkeit auf dem Bett. Sein Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus des Beatmungsgerätes. Am Vormittag noch hatte ich meine weinende Mutter angeschnauzt, sie solle sich nicht wie eine Witwe benehmen, bevor sie eine geworden sei, wir würden hoffen bis zuletzt! Doch beim Anblick meines Vaters hörte auch ich zu hoffen auf.

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Lob des Fernsehens

 Fernsehen Uhr
So haben wir es mal gesehen, das Fernsehen der DDR, dem diese Reminiszenz gewidmet ist.

Eine kleine Rückschau auf das Fernsehen der DDR

Fernsehen – was kann es Schöneres geben! Ja, ich weiß, heute ist es große Mode, das Fernsehen zu ächten und zu verdammen. Kein gepflegter Intellektueller, der sich nicht in die Brust wirft, um laute Klagen über diesen Auswuchs einer niederen Konsumkultur zu erheben. Aber ich gehöre noch zur allerersten Generation, die mit dem Fernsehen groß geworden ist, und ich habe mir mein Leben lang die kindliche Begeisterung dafür bewahrt. Was braucht es mehr für einen gemütlichen Abend als ein leckeres Mahl auf dem Tisch und dazu auf der Mattscheibe einen fesselnden Krimi oder eine interessante Dokumentation? Umsonst versucht man mir einzureden, das Fernsehen wäre doch bloß ein Ersatz, und ein schädlicher dazu, für das „richtige Leben“, das man nur „unter Menschen“ finde. Ich habe niemals eingesehen, warum das stundenlange Zufallsgeplapper einer Party- oder Kneipengesellschaft reizvoller sein soll als die klug durchdachten, gleichsam das Leben verdichtenden Texte in einem wohlgeratenen Film. Mögen andere mosern, ich sehe fern!



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© Tanja Stern