Arbeit im TRO

TRO2

So sieht es heute aus im TRO, das einmal ein pulsierender DDR-Großbetrieb war.

Das Transformatorenwerk Berlin-Schöneweide, abgekürzt „TRO“, war einer der alten Berliner Großbetriebe, die im Südosten Berlins während der Gründerjahre entlang des Spreeufers entstanden. „Trojaner“ nannte der Abteilungsleiter bei meinem Vorstellungsgespräch die Belegschaft, und das war mir auf Anhieb sympathisch: Seit ich als Schulkind erstmals vom trojanischen Krieg las, hatte ich immer gegen die Griechen und für die Trojaner Partei genommen. Der Gedanke, Trojanerin zu werden, gefiel mir. Ich arbeitete in der Versandabteilung, und zwar ausschließlich an den Wochenenden. Das war für einen Großbetrieb ungewöhnlich, aber der Abteilungsleiter, dem ich meine schriftstellerischen Ambitionen gestanden hatte, war unkonventionell genug, um eine Halbtagsstelle speziell für meine und seine Bedürfnisse einzurichten. Der Versand musste schließlich auch am Wochenende rollen, was vor meinem Erscheinen ein großes Problem war, denn keine Sekretärin fand sich bereit, am Wochenende zu arbeiten. Für mich aber war es schon Luxus, dass ich von Montags bis Donnerstags schreiben konnte. Dafür opferte ich gern meine Wochenenden. Der Verdienst war natürlich mager, doch später kamen noch gelegentlich Einnahmen durch die Schreiberei hinzu, und in der DDR konnte man sich bekanntlich auch mit wenig Geld über Wasser halten.

Mehr als zehn Jahre lang blieb ich Trojanerin, für die anderen Kollegen ein Outlaw, bald bewundert, bald angegiftet – die Schriftstellerin mit dem Sonderstatus! Ich erlebte chaotische Sonderschichten, Frauentagsfeiern mit Kegeln und „Kiwi“ (so nannte man seinerzeit den Kirsch-Whisky), einen krebsrot ins Telefon brüllenden Dispatcher: „Es geht um das Werk! Es geht um den Plan! Es geht um 105 Millionen!“ Und ich erlebte die Wirren der Wende, in deren Folge der riesige Betrieb durch Massenentlassungen drastisch geschrumpft und die Transportabteilung zu einem selbstständigen Unternehmen umgeformt wurde. Natürlich gehörte ich dabei zu den Ersten, die ihren Abschied nehmen mussten. Eine Arbeitsstelle wie meine hatte nur die DDR sich leisten können.

Hier gibt es mehr zum Thema TRO-Geschichte sowie auch ein Kamera-Interview zu meiner Zeit als Trojanerin.

   
© Tanja Stern