Schulzeit im Grauen Kloster

 

Tanja Jugendweihe
Jugendweihe 1967. Das Kleid ein Traum aus blauem Samt mit weißem Spitzenkragen. Ach ja!

Ich lernte an einer ganz gewöhnlichen Schule, bis es meinen Eltern einfiel, mich auf eine „Russisch-Schule“ zu schicken, eine Art Eliteschule, deren Hauptmerkmal darin bestand, dass verstärkt und schon ab der dritten Klasse Russisch unterrichtet wurde. In einer solchen Schule hatte man gute Chancen, bis zum Abitur zu gelangen, was ansonsten damals nicht so einfach war. Die letzten beiden Schuljahre verbrachte ich im so genannten „Grauen Kloster“, einer traditionsreichen Schule in Berlin-Mitte. Mein Schulweg von Köpenick, wo wir damals wohnten, betrug nahezu eine Stunde. Heute wohne ich kaum zweihundert Meter von dem alten Gebäude entfernt, und ich kann niemals daran vorbei gehen, ohne an den allmorgendlichen langen Zug der Schüler zu denken, in dem ich verschlafen dahintrottete.

Natürlich ging ich ungern zur Schule, und natürlich schien mir, dass alles, was für mich wichtig und prägend war – Lektüre, Reisen, erste Schreibversuche –, nur außerhalb der Schule stattfand. Aber wichtig und prägend sind eben auch die Rückmeldungen der Gemeinschaft. Der Lehrer, der über meinen Aufsatz staunte: Donnerwetter, jeder Satz fügt sich ein! Das Aufsehen über meine Kritik an einem Missstand. Die Mädchen bei der Klassenfahrt abends im Schlafsaal, wenn ein spannender Film repetiert werden sollte: Lasst Tanja erzählen! Sowas schafft Präferenzen.

   
© Tanja Stern