Rentnerabzocke bei Kaffeefahrten

Kürzlich hatte ich mit dem Phänomen der Verkaufsveranstaltungen für Senioren, den so genannten „Kaffeefahrten“ zu tun und habe mich seither ein wenig mit der Materie beschäftigt. Wahrscheinlich brauche ich das Thema gar nicht lang und breit zu erörtern, denn es geht ja oft genug durch Medien und Presse. Umso weniger begreife ich, dass hier von Seiten der Politik nicht längst schon eingegriffen wurde. Diese Verkaufsveranstaltungen sind methodischer Betrug und werden durchweg von Kriminellen organisiert; Ausnahmen sind mir nicht bekannt. Die Drahtzieher verschanzen sich hinter Postfächern und Phantasiefirmen, sind also für die Opfer nicht greifbar, und sie bauen auch ganz bewusst darauf, dass sich Senioren aufgrund ihres Alters schlechter gegen Unrecht wehren können und weder vom Gesetz noch von den Politikern des Schutzes für wert gehalten werden.

In letzter Zeit hat die Dreistigkeit, mit der die Menschen auf diesen Verkaufsveranstaltungen behandelt und abgezockt werden, erschreckende Ausmaße angenommen.

Dass Versprechungen von Gewinnen und Geschenken zum Anlocken der Senioren eingesetzt und dann nicht eingehalten werden, ist heute schon eine Selbstverständlichkeit. Aber in letzter Zeit geht die Unverschämtheit der Veranstalter so weit, dass nicht einmal die Fahrten selbst durchgeführt, die Teilnehmer vielmehr irgendwo in abgelegenen Gaststätten abgesetzt und stundenlang mit allen Methoden des Psychoterrors unter Verkaufsdruck gesetzt werden. Senioren, die dagegen aufmucken wollen, sich weigern zu kaufen oder die versprochenen Gewinne einfordern, werden rüde beschimpft, lächerlich gemacht, oft auch des Saales verwiesen und ohne Rückfahrtmöglichkeit in der „Pampa“ ausgesetzt, was dann auch andere einschüchtert, dem Beispiel der Rebellen zu folgen. Auch im Nachhinein ist eine Gegenwehr oder Wahrnahme von Rücktrittsrechten unmöglich, da die Veranstalter grundsätzlich mit Falschnamen und Scheinfirmen operieren, keine korrekten Quittungen und Rechnungen ausstellen und mit dem ergaunerten Geld so spurlos verschwinden, dass ihr Verbleiben selbst von Detektiven kaum ermittelt werden kann.

Es ist in erster Linie der Gesundheitssektor, auf dem die Kriminellen operieren und Gewinnspannen erzielen, von denen ehrliche Geschäftsleute nur träumen können. Dabei nutzen sie hauptsächlich folgende Faktoren gezielt für ihre Zwecke aus:

  • Einsamkeit: Für viele Senioren sind die Einladungen zu diesen Werbeverkaufsveranstaltungen die einzige Post und die einzige Ansprache, die sie überhaupt erhalten. Sie ergreifen gierig jede Gelegenheit, einmal unter Menschen zu kommen und für einen Tag beschäftigt zu sein.
  • Armut: Die Veranstalter locken mit Gewinnen und Geschenken, die für Empfänger von schmalen Renten selbstverständlich von hohem Reiz sind. Wurde in den 90er Jahren wenigstens noch ein Teil der Geschenke tatsächlich an die Senioren ausgegeben, so gehen sie inzwischen weit gehend leer aus.
  • Krankheit: Wohl wissend, dass ein kranker Mensch, der unter Schmerzen und Todesangst leidet, bereit ist, nach jedem Strohhalm zu greifen, verkaufen die Veranstalter Wässerchen und Wundermittel, indem sie den Käufern die dreistesten Lügengeschichten über Heilerfolge und Expertenempfehlungen auftischen.

Ich weiß nicht, wie hoch der Schaden zu beziffern ist, der den älteren Menschen durch solche Veranstaltungen zugefügt wird, aber nach allem was ich dazu erfuhr, dürfte er jährlich in die Milliarden gehen. Meiner Ansicht nach ist hier ein drastischer Eingriff der Politik nötig; der gesamte Geschäftszweig muss gesetzlich verboten und als Betrug gebrandmarkt werden. Da an die Firmen nicht heranzukommen ist, könnte zunächst eine Verordnung an sämtliche Gastwirtschaften ergehen, die es verbietet, Räume für solche Verkaufsveranstaltungen zur Verfügung zu stellen bzw. dies mit strengen Auflagen und Überprüfungen der Firmen verbindet. Aber auch die Veranstalter selbst könnten bei systematischen staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sicher dingfest gemacht und bestraft werden: So sind die meisten dieser Firmen in Bremen angemeldet, wo offenbar das Gewerbeamt bei den Betrügereien mitspielt. Auch hier gibt es Möglichkeiten des Eingriffs.

Da mich dieses Thema persönlich sehr beschäftigt und empört, habe ich wiederholt versucht, dazu Anfragen an zuständige Politiker und Vertreter öffentlicher Institutionen zu richten. Das Echo war bisher leider nur mäßig. Lesen Sie hier das Gedächtnisprotokoll meines Telefonats mit dem Vizepräsidenten des Bundesverbandes Graue Panther eV, Herrn Jürgen Philipp.

   
© Tanja Stern