Mitregieren, aber wie?

Mitregieren, aber wie? Gedanken zum Thema Bürgerbeteiligung und Demokratie

 

 SDP

SDP-Ausweis - kurioses Wendedokument und Andenken aus wilden Tagen

Dieser Text ist die Zusammenfassung eines Kurzreferates, das ich beim Herbstforum 2010 der Frauenbrücke Ost-West gehalten habe, einer Frauenorganisation, die Begegnungen zwischen Ost- und Westfrauen ermöglicht. Thema des Forums war - was sonst? - der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, wobei es sowohl um Rückblicke als auch um Ausblicke in die Zukunft ging.

Als ich gebeten wurde, auf diesem Forum zu sprechen, war ich zunächst in großer Verlegenheit, welches Thema ich wählen sollte. Ich bin in keiner Partei oder Institution, die ich repräsentieren könnte, bin auch beruflich mit keinem frauen- oder wendespezifischen Gegenstand befasst und habe keinen Draht zu irgendeiner gesellschaftlich relevanten Bewegung – was sollte ich sagen vor all den engagierten Frauen? Welchen Aspekt sollte ich bedienen? Bis mir irgendwann der Gedanke kam, ich könnte ja vielleicht mal erklären, wie das kommt, dass ich nirgendwo organisiert oder engagiert bin, denn das ist direkt auf die Wende zurückzuführen, auf meine ganz persönlichen Erfahrungen mit der westlichen Demokratie.

Ich habe den Hauptteil meines Lebens als DDR-Bürgerin verbracht, und als solche war ich immer sehr distanziert beziehungsweise in Opposition gegen alles, was gesellschaftliche Aktivität war. Auch die DDR hat sich ja als demokratisches Land bezeichnet, aber für mich war immer klar, ich lebe hier in einer Diktatur mit scheindemokratischer Bemäntelung, und wenn ich mich gesellschaftlich engagiere, zum Beispiel in die SED eintrete, dann mache ich mit bei dieser Diktatur, dann bin ich Teil eines Systems, das ich als primitiv und verlogen empfand. Es gab ja Leute, auch in meinem Bekanntenkreis, die anders dachten, die sagten, man könnte doch nicht vor dem Gartenzaun stehen und rübergucken, man müsste innerhalb des Systems etwas bewegen, das Land, das wir haben, besser machen So habe ich niemals gedacht. Für mich war klar, mein Engagement, meine Tatkraft wird dieser Staat nicht kriegen.

Aber ich habe immer neidvoll gen Westen geblickt: Da war für mich die glorreiche Demokratie, da war ein echtes Mehrparteiensystem im Gegensatz zu den Blockflöten in der DDR, da konnte man sich öffentlich über die Regierenden lustig machen, in jeder Zeitung ungehindert seine Meinung schreiben. Ich dachte, das ist ein wahrhaft produktives Gesellschaftssystem, und würde ich dort leben, dann würde ich auch ein gesellschaftlich aktiver Mensch sein, ganz im Sinne des schönen DDR-Mottos „Plane mit, arbeite mit, regiere mit“ – im Nachhinein eigentlich eine sehr griffige Formel für Demokratie, nur dass sie in der DDR eben immer nur eine hohle Phrase blieb.

 Ja, und als dann die Wende kam, da sah ich sie als die Gelegenheit zum gesellschaftlichen Engagement, auf die ich mein Leben lang gewartet hatte...

 

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© Tanja Stern