Das Kreuz der Freiberuflichkeit

Das Kreuz der Freiberuflichkeit

Was denken Sie, wenn Sie das Wort Freiberufler hören? An Architekten in gestylten Büros, an Musiker auf Konzerttourneen, an einsame Computergenies mit astronomischen Stundensätzen? Die wird es wohl geben, und vermutlich haben sie an ihrem Status nicht zu leiden. Das Gros der Freiberufler aber kämpft sich in unsicheren Existenzen durchs Leben, mit schwankendem Einkommen und oft mit einem überaus harten Arbeitspensum, das weder Sonntagsruhe noch Kranksein erlaubt. Der Vorzug, ausschlafen zu können und keinen Chef über sich zu haben, wird bezahlt mit einer ständigen Einsatzbereitschaft und Präsenz, mit einem aufreibenden Wechsel zwischen Leerlauf und Termindruck, mit verrücktesten Arbeitszeiten und -orten, mit der unaufhörlichen Hetzjagd nach Kunden, Ideen, Aufträgen, Absatz.

Dass diese Hetzjagd nicht immer von Erfolg gekrönt ist, weiß man, und entsprechend groß ist das Misstrauen, das man Freiberuflern landläufig entgegenbringt. Wir sind das rote Tuch für jeden Vermieter. Das Entsetzen jedes Bankers. Die windigen Zigeuner, stets mit einem Bein über dem Abgrund der Insolvenz. Wir zahlen höhere Versicherungsprämien und haben dafür weniger Leistung zu erwarten. Dass wir kreditunwürdig sind, braucht kaum noch eigens erwähnt zu werden. Doch es sind nicht nur die Kredite, die man uns verweigert. Als Freiberufler muss man auf jeden finanziellen und rechtlichen Anspruch verzichten, der für Angestellte selbstverständlich ist. Selbst ein Hartz-4-Empfänger hat von staatlichen und öffentlichen Institutionen mehr Hilfe zu erwarten als ein Freiberufler. Wir rangieren unterhalb jeder gesellschaftlichen Kategorie.

Lesen Sie hier ein paar beispielhafte Fälle aus dem Leben einer Freiberflerin.

Dispokredit? Nicht für mich.

Wohngeld? Nicht für mich.

Null-Prozent-Finanzierung? Nicht für mich.

 

Wohngeld? Nicht für mich

Stellt der Freiberufler einen Wohngeldantrag, kann er als Einkommensnachweis keine Monatsbelege, sondern nur den Einkommensteuerbescheid des jeweils letzten Kalenderjahres vorlegen. Demzufolge erhält er sein Wohngeld quasi mit einem Jahr Verspätung, also berechnet auf das Einkommen des Vorjahrs, was in der Praxis zu absurden Konstellationen führen kann. So hatte ich im Jahre 2006 mit meinem Einkommen Glück gehabt, worauf ich im Jahre 2007 prompt Pech mit meinem Wohngeld hatte: Mein Antrag wurde abgelehnt, da mein Einkommen zu hoch sei, und obwohl es mir just um diese Zeit finanziell besonders schlecht ging, musste ich auf die Stütze des Wohngelds verzichten. Entsprechend düster sah dann aber auch der Einkommensteuerbescheid 2007 aus, so dass ich guten Mutes 2008 einen neuerlichen Wohngeldantrag stellte – diesmal war mein Einkommen bestimmt nicht zu hoch.

Was ich damals noch nicht wusste: Auch ein zu geringes Einkommen wird mit dem Entzug von Wohngeld bestraft. Hintergrund ist die Vermutung, dass nur Schwarzarbeit im Spiel sein kann, wenn kein hinreichendes Einkommen nachgewiesen wird. Natürlich äußert niemand diese Vermutung, und es gibt auch im ganzen Wohngeldgesetz keinen Paragraphen, der eine untere Einkommensgrenze definiert. Der Wohngeldentzug bei zu niedrigem Einkommen wird einfach von den Wohngeldbehörden praktiziert und von der Gerichtsbarkeit bestätigt.

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Dispokredit? Nicht für mich

Banken urteilen in Rastern. Wer diese festlegt, ist mir unbekannt, doch sie müssen wohl der Realität entsprechen, wenn so viele kluge Leute an den Schalthebeln der Macht sich ihrer bedienen. Familienväter mit Festanstellung werden grundsätzlich für solvente und vertrauenswürdige Menschen gehalten, obwohl sie täglich dutzendfach das Gegenteil beweisen. Freiberufler dagegen gelten ebenso grundsätzlich als suspekt. Bei vielen Banken dürfen sie nicht mal ein simples Girokonto eröffnen.

Möglicherweise hätte mich auch die Dresdner Bank als Kundin abgewiesen, aber ich wurde ihr aufgezwungen. Einst führte ich ein Konto bei der Advance Bank, einer der ersten Direktbanken Deutschlands, die ihre Kunden mit großzügigen Konditionen lockte, unter anderem mit komfortablen Dispokrediten. Leider hatte die Bank nur wenig Erfolg und wurde schon nach wenigen Jahren von der Dresdner Bank geschluckt – vielleicht kam sie als Direktbank einfach zu früh, oder die Konditionen waren für das Geschäft zu großzügig gewesen. Alle Konten der Advance Bank gingen über auf die Dresdner Bank, wobei sowohl die scheidende als auch die neue Bank den Kunden in freundlichen Schreiben versicherte, dass sich an den Konditionen der Kontoführung durch den Wechsel nichts ändern werde.

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Null-Prozent-Finanzierung? Nicht für mich

Der Kauf eines neuen Notebooks war fällig, sogar ausgesprochen überfällig. Zum Glück lockte der MediaMarkt, im Sommer 2009 noch ziemlich allein auf weiter Flur, mit einer attraktiven Null-Prozent-Finanzierung, die das Abstottern größerer Summen in zehn bequemen Monatsraten erlaubte. Damit wollte ich das neue Notebook finanzieren, um kein größeres Loch in meine magere Haushaltskasse reißen zu müssen. Wochenlang studierte ich Prospekte, graste alle Berliner MediaMärkte ab, erwog und zauderte und verwarf. Doch eines Tages stand ich dann vor dem Objekt meines Verlangens: einem wunderschönen Notebook, dessen Leistung kaum einen Punkt auf meiner Wunschliste offen ließ und dessen Preis trotzdem halbwegs moderat war. Genau dieses und kein anderes wollte ich mein Eigen nennen!

Bereits im Vorfeld hatte ich mich vergewissert, dass auch Selbstständige in den Genuss der Null-Prozent-Finanzierung einbezogen waren, und so rief ich nun voller Zuversicht den nächsten freien Verkäufer herbei und bekundete ihm meinen Wunsch, das Notebook zu kaufen und abzustottern. Der Verkäufer, gleichfalls voller Zuversicht, öffnete in seinem Computer das dafür vorgesehene Formular und fragte die üblichen Angaben ab: In welcher Branche ich selbstständig sei? Wie viel ich etwa pro Monat verdiene? Wie lange ich schon in meiner Mietwohnung lebe? Und so weiter, was die Banken halt so wissen wollen.

Dann die böse Überraschung: Nur ein paar Sekunden, nachdem die Anfrage abgegangen war, erschien auf dem Monitor die Meldung, dass die Finanzierung abgelehnt werde. Der Verkäufer war darüber ebenso verdattert wie ich und wusste kaum, wie er mir das erklären sollte. Gewiss, die Finanzierung gelte grundsätzlich auch für Freiberufler, doch es gebe halt bankinterne Kriterien, auf die der MediaMarkt keinen Einfluss habe.

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© Tanja Stern